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3.1 – Die Erde im Anthropozän

Die Menschheit ist heute in allen Bereichen mit einer umfassenden Änderung ihrer Lebensgrundlagen konfrontiert. Die komplexen Phänomene und Prozesse des globalen Wandels beziehen Umweltveränderungen ebenso ein wie den tiefgreifenden sozio-ökonomischen und politischen Wandel.

Vor allem das starke Bevölkerungswachstum und die zunehmende Industrialisierung und Urbanisierung tragen dazu bei, dass der Mensch die Natur in globalem Maßstab beeinflusst und zum Teil massiv beeinträchtigt. Dabei lassen sich direkte, bewusst durchgeführte Eingriffe (zum Beispiel Deichbauten, Landgewinnungsmaßnahmen, Bergbau) von indirekten Folgewirkungen unterscheiden, etwa Veränderungen des Wasserhaushalts oder der Vegetation. Mit dem Begriff des „Anthropozän” werden die vom Menschen ausgehenden, zum Teil irreversiblen Eingriffe als „human domination of the earth’s ecosystem” charakterisiert.

Lebensgrundlagen ändern sich

Der Begriff „Anthropozän” (von griechisch ανθρωποδ = Mensch) wurde erstmals 2002 von Paul Crutzen verwendet. Er charakterisiert damit eine Epoche, in der das globale geologische Wirken des Menschen Veränderungen in der Atmosphäre verursacht. Crutzen bezieht dies auf den Zeitraum seit der Industrialisierung. Seiner Ansicht nach führt die wirtschaftende Tätigkeit des Menschen mit zunehmendem Verbrauch fossiler Brennstoffe seit dieser Zeit zu irreversiblen Veränderungen der chemischen Zusammensetzung der Atmosphäre. Der Mensch nimmt somit direkten Einfluss auf Umwelt- und Klimaprozesse.

Der überregionale Einfluss menschlicher Eingriffe auf die Umwelt ist spätestens seit der Antike bekannt und schriftlich festgehalten (Strabon, Erdbeschreibung, 17. Buch). Heute geht man davon aus, dass der Mensch bereits in der Jungsteinzeit, seit er den Pflug benutzte und Wald und Steppe systematisch urbar machte, Veränderungen im Boden-, Wasser- und Sedimenthaushalt verursachte. Die Folgen waren Bodenerosion, Nährstoffentzug und ein veränderter Wasserhaushalt, der zum Beispiel Hochwässer oder Wassermangel nach sich zog. Diesen wirkte der Mensch spätestens seit der Bronzezeit durch Wasserbewirtschaftung entgegen, wie zum Beispiel am Nil. Seit der Eisenzeit sind gekoppelte Maßnahmen für Bodenschutz und Wasserbewirtschaftung bekannt, wie zum Beispiel das Landbewirtschaftungssystem der Nabatäer. Auch gibt es (allerdings noch umstrittene) Hinweise, dass die atmosphärische Kohlendioxid-Konzentration bereits seit 8.000 Jahren, die Methan-Konzentration seit 5.000 Jahren anthropogen beeinflusst wird.

Menschliche Eingriffe

Nutzung der Georessourcen und Beeinflussung der Umwelt durch den Menschen

Nutzung der Georessourcen und Beeinflussung der Umwelt durch den Menschen (Quelle: Christopher I. McDermott 2009, Personal communication, Edinburgh Collaborative of Subsurface Science and Engineering (ECOSSE), School of Geoscience, University of Edinburgh, West Mains Road, Edinburgh, EH9 3JW, Scotland)

Bei einer geowissenschaftlichen Betrachtung des Erdsystems erscheint es daher sinnvoll, die Epoche des Anthropozäns auf den Zeitraum seit der neolithischen Revolution auszudehnen.

Wissenschaftliche Herausforderungen

Im Anthropozän ist der Mensch innerhalb des Systems Erde somit als eine dominierende und zugleich extrem dynamische Größe anzusehen. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat die Menschheit mehr Rohstoffe verbraucht als in ihrer gesamten Geschichte zuvor. Der Mensch bewegt mehr Boden und Gestein als die Natur. Für einen nachhaltigen Umgang mit unserer Umwelt reicht daher ein rein naturwissenschaftliches Verständnis des Erdsystems nicht mehr aus. Vielmehr kommt es auch darauf an, die Eingriffe sehr unterschiedlicher Gesellschaften und Kulturen in das System Erde, ihre Bedingungen und Folgen besser zu verstehen. Die Nutzung von Georessourcen erfordert es in der Regel, konkurrierende Nutzungsansprüche zu lösen. Soll ein Stück Boden zum Beispiel für die Landwirtschaft genutzt oder der darauf wachsende Wald erhalten werden? Der reine Abbau von Rohstoffen konkurriert häufig mit dem Naturschutz oder dem Grundwasserschutz. Gesellschaften mit unterschiedlicher Kultur und unterschiedlichen Wertvorstellungen werden solche Fälle verschieden entscheiden. Es sind also spezifische Kultur- und Regionalkompetenzen erforderlich, um über naturwissenschaftliche, technische und wirtschaftliche Analysen hinaus zu aussagefähigen Modellen und Szenarien zukünftiger Umweltentwicklungen zu gelangen. Die Geowissenschaften liefern die dazu notwendigen natur- und ingenieurwissenschaftlichen Grundlagen, die für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Humangeo­graphie und den Sozial-, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften notwendig sind.

Akteur Mensch

zuletzt geändert am 2010-03-23 15:58:39 durch Dr. Frank Schmieder | Impressum